Psychopathen – die Gewinnertypen

23. März 2017 Norbert W. Schätzlein Allgemein

Inserat/Stellenanzeige

Im Rahmen der Nachfolge suchen wir Sie als unseren neuen Leiter (…)

Sie zeichnet Zielstrebigkeit und Belastbarkeit aus, ebenso wie Durchsetzungskraft und ein gerüttelt Maß an unternehmerischen Denken. (…)

Sie erwartet bei (…) ein hochmotiviertes Team (…)

Und das ist es, was Sie beim Bewerbungsgespräch erleben, wenn sich Psychopathen auf Basis obiger Anforderungen perfekt angesprochen und eingeladen fühlen:

„Qualifikations“-Profil von Psychopathen (in Anlehnung an.: Duve, Karen: Warum die Sache schiefgeht):

Tugenden:

  • Risikobereitschaft
  • Selbstvertrauen
  • Ehrgeiz/Zielstrebigkeit
  • Durchsetzungsfähigkeit
  • unbegrenzter Einsatzwille
  • raumfüllende Charmeoffensive

Defizite:

  • Leichtsinn
  • ideologische Scheuklappen
  • Selbstüberschätzung
  • Rücksichtslosigkeit
  • fehlende Empathie
  • aggressives Verhalten

Man muss kein Psychologe sein, um Psychopathen zu erkennen. Jeder hat mit ihnen schon zu tun gehabt. Die Spezies ist weit verbreitet, und jeder kennt einen im Unternehmen, in der Politik oder Verwandtschaft.

Psychopathen sind sexy

Psychopathen erscheinen dem jeweils anderen Geschlecht als attraktive Sexualpartner. Sie sind charmant und eloquent. Sie beeindrucken, weil sie wissen, was sie wollen. Aber warum soll man einer Blume treu bleiben, wenn so viele darauf warten, bestäubt zu werden. Psychopathen kennen keine Skrupel; alles nur Gefühlsduselei (…).Psychopathen können mit Versprechungen großzügig sein, weil sie keine Verpflichtung daraus ableiten. Ein „Ich liebe Dich“, bedeutet ihnen genauso viel wie „Ich mag doppelten Espresso“ und wenn der mir nicht mehr munden sollte, dann ist eben morgen Cappuccino mein Favorit.

Psychopathen sind Gallionsfiguren

Im Windschatten einer Kombination von Erfolgswille und Zielstrebigkeit finden sich gerne Mitläufer ein. Wer vorwärtsdrängt wird gesehen und dient anderen als Orientierung. Damit wäre eigentlich alles in bester Ordnung, wäre da nicht noch ein weiterer Charakterzug der sich vielen erst erschließt, wenn es zu spät ist.

Psychopathen sind clevere Manipulatoren. Sie drehen die Dinge so hin, bis es ihnen zum Vorteil gereicht. Fakten werden geleugnet, Beleidigungen als Humor getarnt, unliebsame Themen ausgeklammert oder das eigene Versagen anderen angehängt. Das passt zur Logik des Theoriekonzeptes eines Homo oeconomicus, also einer rein zweckrational denkenden, blutleeren Spezies, die überzeugt davon ist, dass, wenn nur jeder an sich selbst denkt, an alle gut gedacht ist. Doch „etwa 70% der Menschen möchten, dass es fair zugeht und verhalten sich auch zunächst gegenüber anderen wildfremden Menschen so“, schreibt der Ulmer Neurobiologe Manfred Spitzer.

Der natürliche Feind des Psychopathen: Menschenkenner

Dem Psychopathen wird es nie an Techniken fehlen, andere zu täuschen. Seinem Selbstverständnis nach wollen die Menschen betrogen werden. Ganz nach Bedarf verändert er sich wie ein Chamäleon und mimt die Unschuld eines entspannten Löwen nach vollendetem Mahl.

Psychopathen sind die Vampire in einer Welt, die naiv nach Anstand und Werten verlangt und damit gleichzeitig die Rahmenbedingungen für Raubtiere setzt. Sanfte Gemüter von dienstbarem Geist sind die willkommenste Beute. Psychopathen bezirzen und hofieren, halten hin und bei Laune. Sie versprechen das Blaue vom Himmel, wenn es nur dazu dient, dass die Hamster ihre Laufräder weiter mit Karriereleitern verwechseln. Von Psychopathen gezüchtete Gutmenschen entwickeln die gleiche Neigung, wie wir sie aus dem Stockholm-Syndrom 1 kennen; Opfer sympathisieren mit den Tätern.

The winner takes it all

Psychopathen wissen instinktiv, dass sie immer die Ersten sein müssen, denn das Publikum erinnert sich nicht an den Zweiten oder Dritten. Wir können leicht namentlich benennen, wer der Erste auf dem Mond war: Neil Armstrong. Und wie hieß nochmal der Zweite? Charles „Pete“ Conrad oder vielleicht Buzz Aldrin? Das braucht dann doch schon etwas mehr Überlegung. Buzz Aldrin war die Nummer 2 und Pete Conrad die Nummer 3. Edmund Hillary bestieg als erster Mensch den Mount Everest, aber wer zum Teufel war Tenzing Norgay? – Er war der Mann ganz dicht hinter Hillary, aber eben nur der Zweite. Da wir alle um diese Zusammenhänge bewusst oder intuitiv wissen, steckt vermutlich in jedem von uns auch ein kleiner Psychopath, der nach oben will. Lediglich die Dosis macht das Gift.2

Zweimal die Nummer EINS

Psychopathen stehen am Anfang von Erfolgsgeschichten und am Anfang des Misserfolges.

Der Dynamik eines Psychopathen kann kaum jemand widerstehen. Sie drängen nach vorne, sind zielstrebig und fokussiert. Menschen die wissen, was sie wollen, machen Karriere und treffen anfangs Entscheidungen, die Unternehmen nach vorne bringen. Die Welt mag ungerecht sein, aber sie lässt sich nicht betrügen. Die Gesetze erfolgreicher Unternehmensführung sind Psychopathen längst nicht per se bewusst. Ganz im Gegenteil. Unternehmen sind erfolgreich – so der feste Glaube der Psychopathen – weil sie vorne dran stehen und alles richtig machen. Einem folget mir nach, ich weiß wo’s lang geht, stehen aber vor einer Flussüberquerung (neudeutsch: Change-Prozess) nur allzu häufig keine Boote zum Übersetzen auf ambitionierte Horizontversprechungen zur Verfügung. Psychopathen sind wie Sprinter und performen kurzfristig. Auf Dauer können sie jedoch ihre Mitarbeiter nicht mitnehmen, weil ihnen dazu auch die erforderliche Empathie fehlt. Und dieses Einfühlungsvermögen braucht es, wenn man durchhalten will und einen Weg gehen, der für Mitarbeiter Sinn macht. Die Sinnfrage ist für Psychopathen allerdings ein nichtssagendes Geplapper aus der Welt der Ethik, die negativ konnotiert der Esoterik gleichgesetzt wird. Psychopathen wollen den Erfolg und Erfolg ist Gewinn. Aber nicht irgendeinen Gewinn, sondern den Größtmöglichen: die Gewinnmaximierung. Und Gewinnmaximierung ist das Credo der Shareholder-Value-Fetischisten. Kurzfristig geht das alles, aber langfristig können Shareholder-Value-Junkies nicht erfolgreich performen; ihnen fehlt die Nachhaltigkeit. Wer nur kurzfristig denkt, kann langfristig keine Vision aufrechterhalten. Das Tandem Selbstgefälligkeit und Selbstherrlichkeit bringt zeitversetzt alle zu Fall.

Wer regiert die Welt?

Ganz einfach: immer die Falschen! Wer macht in Unternehmen Karriere? Nicht immer, aber doch sehr häufig und in schöner Regelmäßigkeit die Psychopathen! Allemal einer von fünf Top-Executives ist ein Nämlicher. Blender sind die Gefahr für die Menschheit und für jedes Unternehmen eine tickende Zeitbombe. Wir (Personaler sollten sich jetzt angesprochen fühlen) sollten sie identifizieren (methodisch kein Problem!), an den Platz setzen, wo sie keinen Schaden anrichten können (manche Psychopathen sind am richtigen Platz angesiedelt extrem nützlich), rechtzeitig die Rote Karte zeigen, oder sie gleich fern von unseren Unternehmen halten. Im Kontext überfällig: wir müssen die Rahmenbedingungen neu setzen. Die BWL und noch mehr die VWL stehen vor einem gigantischen Revisionsstau. Wer das Wort Gewinnmaximierung statt Gewinnoptimierung immer noch im Mund führt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Gewinnmaximierung und im Kontext dazu die Apotheose, Shareholder Value, ist niemals nachhaltig und jede gewinnkürzende GuV-Größe – also insbesondere die Personalkosten – eine in diesem Kontext zu eliminierender Kostenfaktor3. Psychopathen verkaufen für ihre eigene Egobefriedigung in der Gegenwart die Zukunft anderer. Wir sollten das nicht länger zulassen. Das Schweigen der Lämmer muss ein Ende haben.

Autor: Norbert W. Schätzlein, 2017

Schätzulein

Anmerkungen/Quellen:

1: Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. Quelle: Wikipedia

2: frei nach Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, alias: Paracelsus (1493-1541; Alchemist, Schweizer Arzt, Mystiker und Philosoph)

3: im Vergleich dazu der dm-Drogeriemarktgründer Götz Werner im Paradigmenwechsel: Personalkosten sind Kreativposten und Mitarbeitereinkommen; http://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/a-284159.html, Stand: 07.02.2012

Dutton, Kevin: Psychopathen, Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2013

Dutton, Kevin; McNab, Andy: Der gute Psychopath in dir, Entdecke deine verborgenen Stärken!, Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch, 2015

Duve, Karen: Warum die Sache schiefgeht, Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen, 1. Aufl., München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2016, S. 29

Ferrucci, Piero: Nur die Freundlichen überleben, Warum wir lernen müssen, mit dem Herzen zu denken, wenn wir eine Zukunft haben wollen, 2. Aufl., Berlin: Allegria bei Ullstein Buchverlage GmbH, 2005

Spitzer, Manfred: Egoist, Psychopath, Präsident?, Zur Phänomenologie, Persönlichkeit, Entwicklung, Neurobiologie und Genetik des Homo oeconomicus (Teil I), in: Nervenheilkunde 10/2014, 33: 728-733

Werner, Götz W.: Womit ich nie gerechnet habe: Die Autobiographie, Berlin: List bei Ullstein Buchverlage, 2015

 

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